Neue Serie - Hier reite ICH!

Rund um Kloster Knechtsteden

Knechtstedener Wald und Mühlenbusch im Rhein-Kreis Neuss

Wer reitet wo? Welche Strecken sind empfehlenswert? In einer neuen Serie stellen FR-Leser ihre Ausreitgebiete vor. Diesmal widmet sich Dr. Gabriele Roszinsky-Köcher ihren Lieblingsstrecken im Knechtstedener Wald im Rhein-Kreis Neuss. Dort laden lange Sandwege zum frischen Galopp unter dem dichten Blätterdach ein.

Der Rhein-Kreis Neuss gehört zu den Regionen in Nordrhein-Westfalen mit sehr hoher „Pferdedichte“. Schätzungsweise über 60.000 der rund 443.000 dort lebenden Menschen haben eine Verbindung zum Pferd – sei es durch Sport, Freizeit oder Familie. Über 120 Reitställe verteilen sich auf eine Größe von 576 Quadratkilometern – nicht selten finden sich mehrere Reitställe an einer Straße direkt nebeneinander oder gegenüber. Und weil auch hier wie im bundesdeutschen Durchschnitt die meisten Reiter ihren Sport als Hobby ohne Leistungsdruck ausüben und am liebsten Freiheit und Natur bei Ausritten im Gelände erleben, verfügt der Rhein-Kreis Neuss über ein relativ großes und gut ausgebautes Reitwegenetz.
Ein besonders schönes Reitwegenetz findet sich rund um das Kloster Knechtsteden. Es zieht sich vom Mühlenbusch am südlichen Neusser Stadtteil Rosellerheide über den Knechtstedener Wald bei Dormagen-Delhoven sowie den Chorbusch bis hin zum Kölner Stadtwald.
Als Ausgangsstation bietet sich der große Parkplatz direkt gegenüber dem Klosterhof Knechtsteden an. Dieses urige Restaurant gehört einem Islandpferde-Liebhaber und so sind Reiter hier immer willkommen. In Reithosen schnell drinnen einen Happen essen oder in den Biergarten – das stört im Klosterhof nicht.
Und so gibt es vor dem historischen Gebäude auch eine Möglichkeit, die Pferde an einem Balken anzubinden. Damit ist der Klosterhof Knechtsteden nicht nur perfekter Ausgangs-, sondern auch Endpunkt eines Rittes durch das angrenzende Waldgebiet, wo sich die Reiter nach dem anstrengenden Ritt vor ihrer Heimfahrt zünftig stärken können.

Auf der Karte des Klosterhofes, der auch über einen großen Biergarten draußen und die so genannte Pfannkuchen-Scheune verfügt, stehen zahlreiche Spezialitäten der Region. Ein besonders erfrischender Genuss: Das Knechtstedener Schwarzbier, das nach einer speziellen Rezeptur gebraut und nur dort ausgeschenkt wird, ist eine der Attraktionen der Region. Kulturell interessierte Reiter können zudem das nebenan gelegene Kloster Knechtsteden besichtigen, zu dessen Komplex neben dem Spiritaner-Kloster ein Gymnasium, ein Sportinternat, die so genannte Kulturscheune und andere Institutionen gehören. Im Jahre 1138 von den Prämonstratensern gegründet, vereint Kloster Knechtsteden sowohl romanische als auch gotische Bauelemente. Die noch heute von der Ordensgemeinschaft der Spiritaner geführte Anlage ist vor allem seines Kreuzganges wegen berühmt, doch auch das imposante barocke Torhaus aus dem frühen 18. Jahrhundert gilt als eines der besterhaltenen Kulturgüter am Niederrhein. Auch die Basilika ist einen Rundgang wert.
Kloster Knechtsteden ist über die A 57 (Ausfahrt Dormagen, dann Richtung Rommerskirchen) und über die L 280 bequem zu erreichen. Es gibt mehrere Parkmöglichkeiten direkt an der Landstraße, auf denen auch Gespanne Platz satt haben, sowie direkt gegenüber dem Klosterhof selbst.

Vom Klosterhof aus können Reiter zuerst entweder in Richtung Mühlenbusch aufbrechen, oder über die Straße (L 280) hinüber Richtung Köln. Auf beiden Seiten sind lange Sandwege zu finden, die tolle Galoppstrecken bieten. Teils handelt es sich auch um gut befestigte Waldwege, die ebenfalls Trab und Galopp erlauben. Nur wenige sind so kurvenreich, steil oder schmal, dass man zum Schrittreiten gezwungen ist. Der Vorteil dieses Gebiets: Alle ausgeschriebenen Reitwege sind Rundwege, so dass es quasi unmöglich ist sich zu „verirren“. Selbst mit einigen Umwegen sollten Reiter und Pferde immer zu ihrem Ausgangspunkt zurückfinden können. Wer in fremden Ausreitgebieten unsicher ist und lieber auf Nummer sicher gehen will, dem bietet die Reitwegekarte des Rhein-Kreises Neuss (im Internet abrufbar, Link s. u.) Orientierungshilfe. Auf dieser sind nicht nur die Reitwege, sondern auch die Reitställe markiert, so dass Wanderreiter für ihre Vierbeiner auch im Rahmen mehrtägiger Touren Quartier in unmittelbarer Nähe finden können.

Märchenhafter Mühlenbusch
Wer in Richtung Mühlenbusch startet, erhält direkt zu Beginn des Ausflugs die Gelegenheit auf einem lang gezogenen Sandweg ohne viele Kurven Bewegung im Sattel zu genießen. Der Sandweg eignet sich hervorragend für erste Trabeinheiten und – wenn die Vierbeiner warm sind – auch für einen frischen Galopp. Etwa auf der Hälfte der Strecke schmiegt sich der Sandweg an einen kleinen Wasserkanal, den so genannten Alten Sumpfgraben. Nach einigen Kilometern in der Höhe der westlichsten Dormagener Ortschaft, dem 2.200 Seelen-Dörfchen Gohr, verabschiedet sich der Reitweg mit einer scharfen Rechtskurve schließlich von seinem fließenden Begleiter, um kurz darauf wieder mit ihm zusammenzustoßen. Von dort an verläuft der Reitweg in einem Halbkreis.
Der Name Gohr wurde ursprünglich mit einem harten „G“ ausgesprochen und leitet sich von dem Wort Chor ab, das heute noch in den Bezeichnungen Chorbusch vorhanden ist und soviel wie Sumpfsiedlung bedeutet. Denn das Gebiet, das auf einem Ausläufer der Ville liegt – einem Höhenzug, der bis in die Eifel verläuft – war noch im Mittelalter ein Sumpfgebiet. Damals gingen die Anwohner mit der Natur dort nicht zimperlich um, bauten Torf ab und zerstörten so einen Teil der Flora und Fauna. Heute wissen die Neusser und Dormagener ihre „grüne Lunge“ allerdings zu schätzen. Der Mühlenbusch ist ein äußerst beliebtes Naherholungsgebiet. Bei schönem Wetter tummeln sich hier Spaziergänger, Jogger, Walker – zahlreiche Neubaugebiete liegen in unmittelbarer Nähe – und auch Reiter. Denn das Gebiet ist von den umliegenden Ställen einfach zu erreichen.

Auch Naturliebhaber kommen im Mühlenbusch auf ihre Kosten: Der rund 320 Hektar große Wald, zu 90 Prozent von Laubbäumen besiedelt, bietet eine aufregende wie artenreiche Pflanzen- und Tierwelt. Buchen, Eichen, Eschen, Ulmen und Erlen zeichnen die Vielfalt dieses Laubwaldes nach, dazu gesellen sich auch Nadelbäume, die unter preußischer Besatzung angepflanzt wurden und deren Ableger bis heute vor Ort zu finden sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden dann weitere „Exoten“ wie Mammutbaum, Roteiche oder Douglasie gesetzt. Hier findet man auch den Aronstab, der hauptsächlich im tropischen Regenwald vorkommt. Und auch eine andere hölzerne Attraktion ist allemal einen Halt wert: die nach dem verstorbenen Ückerather Förster Heinz Berendis benannte Berendis-Buche – ein rund 140 Jahre alter, 35 Meter hoher Baumriese, der als Naturdenkmal ausgewiesen ist und somit unter besonderem Schutz steht. Und auch sonst gibt es hier einzigartige Baumriesen zu bewundern: Der Knechtstedener Wald beherbergt große Vorkommen der Flatterulme, die bis zu 35 Meter hoch wird und einen Kronendurchmesser von 15 Metern erreicht. Sie ist die einzige heimische Baumart, die ansatzweise Brettwurzeln ausbildet – wie sie sonst fast nur im tropischen Regenwald vorkommen.
Die vielen verschiedenen Bäume bilden im Sommer über den Wegen einen grünen Baldachin. So sind Reiter und Pferd vor der stechenden Sonne geschützt und die Temperaturen stets angenehm. Die Wege trocknen nicht so schnell aus wie auf dem freien Feld, weil kein Wind weht, weshalb die Wege nur in langen Trockenperioden staubig werden. Ein weiterer Vorteil: Wer hier reitet, den schützt bei kleineren Schauern das dichte Blätterdach, so dass sich Reiter und Pferde nicht auf Biegen und Brechen sofort einen Unterstand suchen müssen.

Wer besonders früh oder in der Abenddämmerung in den Sattel steigt, der bekommt unter anderem Wildschweine, Füchse, Dachse, Dam- und Rehwild zu sehen sowie das Gezwitscher zahlreicher Vogelarten zu hören, zum Beispiel von Schwarzspecht, Mittelspecht, Nachtigall und Pirol.
Übrigens: Um die Herkunft des Namens „Mühlenbusch“ ranken sich spannende Sagen.
Nach einer soll in dem Wald vor langer Zeit einmal eine Mühle gestanden haben. Weil der Müller jedoch ein äußerst geiziger Zeitgenosse war, soll er der Sage nach von einem hungrigen Bettler verflucht worden sein. Daraufhin sei die Mühle bei einem heftigen Gewitter vom Blitz getroffen worden und abgebrannt. Wissenschaftlicher verfolgen allerdings eine andere Theorie: Demnach stammt der Name von dem altdeutschen Wort „Mulenbruch“, was soviel wie Moor- oder Feuchtgebiet (Altdeutsch Mullematsch) bedeutet. Und tatsächlich war der Mühlenbusch ja wie erwähnt ein Moorgebiet.
Seit einigen Jahren gehören der Knechtstedener Wald und damit auch der Mühlenbusch zu den Naturschutzgebieten. Somit dürfen Reiter die ausgewiesenen Reitwege nicht verlassen!

Gen Kölle
Der Reit-Rundweg durch den Mühlenbusch trifft nach zirka zwei Stunden wieder auf den Anfangsweg zurück zum Klosterhof. In dessen unmittelbarer Nähe können Reiter und Pferde die zeitweise leider sehr stark befahrene L 280 (zu Zeiten des Berufsverkehrs) überqueren – ein kurzes Aufwachen im stressigen Alltag, denn von dort können sie sofort wieder in den Zauber des Waldes eintauchen. Hier gibt es verschiedene Rundwege unterschiedlicher Länge – alle „gen Kölle“. Auch hier sind die Waldwege zum größten Teil sandig und bieten bei flotten Galoppeinheiten einen griffigen Untergrund. Allerdings kreuzen sich die Reitwege gelegentlich mit Fußgängerwegen oder führen direkt nebenher, so dass an entsprechenden Stellen Vorsicht geboten ist – vor allem an Schön-Wetter-Tagen, wenn es alle nach draußen zieht.
Die schnellste Runde ist die von ortskundigen Reitern so genannte Blechhofrunde, benannt nach einem am Wegrand liegenden Blechhof. Die Runde dauert zirka ein- bis eineinhalb Stunden, wenn ausschließlich Schritt geritten wird. Auch größere Touren bis hin zu Tagestouren sind hier möglich. Die nächstlängere dauert in etwa doppelt so lange und führt Richtung Köln durch den Chorbruch. Die dritte „Rundreise“ führt Reiter und Pferde dann durch den so genannten Chorbusch direkt auf Kölner Gebiet. Der Chorbusch grenzt im Nordwesten an den Kölner Stadtwald, im Süden an die Stadt Pulheim.

Der Knechtstedener Wald ist ungefähr 1.178 Hektar groß und stellt ein nahezu  unzerschnittenes Laubwaldgebiet dar. Ein Vorteil für Reiter, die nur selten aufs freie Feld ausweichen müssen. Wer jedoch auch mal die Sonne auf dem Feld genießen will, der kann auf einem der vielen Zuwege vom Wald auf das Feld wechseln. Viele asphaltierte Wirtschaftswege sowie nicht befestigte Feldwege dürfen in dieser Gegend beritten werden. Für Naturfreunde besonders beeindruckend sind die Stieleichen-Hainbuchenwälder zur Blüte des Buschwindröschens und des Maiglöckchens sowie die Traubenkirschen-Erlen-Eschenwälder mit großen Vorkommen der Flatter-Ulme.
Bemerkenswert ist auch der hohe Tierartenreichtum. Mit Schwarz-, Mittel-, Klein-, Grün- und Buntspecht kommen im Knechtstedener Wald fünf Spechtarten vor. Erst in jüngster Zeit wurde hier der Springfrosch gefunden, der seinen nördlichsten Fundort im Rheinland besitzt. Mit bis über siebzig jährlichen Funden besitzt die Ringelnatter im Knechtstedener Wald und seinem strukturreichen Umland eine individuenstarke Population. Weitere Reptilienarten sind die Blindschleiche und die Waldeidechse.
Eine Tagesreise zum Knechtstedener Wald ist also nicht nur für Spaziergänger, sondern auch für Reiter lohnenswert. Der Wald bietet ein einzigartiges Flair und ist genau das richtige für Naturliebhaber im Sattel, die mal frische Luft atmen wollen. Die Wege sind allesamt gepflegt und gut bereitbar. Lediglich nach wirklich langen Trocken- oder Regenperioden leidet der Boden. Es gibt einige breite Sandwege, die schnelles Galoppieren ermöglichen. Zudem gibt es sowohl im Mühlenbusch wie auch im Chorbusch eine Strecke, auf der Naturhindernisse zu finden sind. Wer also auch mal einen Sprung wagen will, kommt dort ebenfalls auf seine Kosten.

Infos
Reitwegekarte und Reiterhöfe
im Rhein-Kreis Neuss:
www.rhein-kreis-neuss.de/de/buergerservice/ formulare_publikationen/publikationen/publikationennachthema/umwelt/index.html

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