Die IRAP-Therapie hilft Pferden mit chronisch-arthritischen Beschwerden, Arthrose sowie Knorpelschäden. Doch wie genau funktioniert das eigentlich? FR-Redakteurin Mareike Roszinsky hat sich schlau gemacht.
Pferdeleute kennen derartige Situationen: Ein Pferd läuft zu Beginn seltsam, steif, taktunrein, eventuell ist eine leichte Lahmheit mehr fühl- als sichtbar. Doch schon nach einigen Tritten verfliegt die „Lahmheit“ – das Pferd trabt völlig normal. An manchen Tagen taucht die Lahmheit gar nicht erst auf, an anderen nur zu Beginn der Bewegung, um nach einigen Runden dann vollständig zu verschwinden.
In solchen Fällen bringen erst Röntgenaufnahmen Gewissheit. Die Diagnose lautet im Volksmund häufig Arthrose. Betroffen sind in der Regel die Sprung- und/oder Fesselgelenke. Aber auch das Hüft-, Kron-, Ellbogen- und Schultergelenk können betroffen sein.
Diese so genannten rezidivierenden Osteoarthritiden – so der Fachausdruck – mit mehr oder weniger ausgeprägten Knorpelschäden gehören zum veterinärmedizinischen Alltag. Die von der Arthritis abzuhebende degenerative Arthrose (dazu deren Sonderform Spat) gehört gerade bei Sportpferden zu den häufigsten orthopädischen Krankheitsbildern. Doch auch chronische Arthritis kann dauerhafte Knorpelschäden induzieren.
Neben Sport- sind auch Freizeitpferde immer häufiger von diesen beiden Krankheitsbildern betroffen. Schlechte Haltungsbedingungen, unsachgemäßer Beschlag, angeborene Stellungsfehler und ungünstige anatomische Begebenheiten (zum Beispiel „weiche“ Fesselung) können solche Erkrankungen begünstigen – aber auch Überforderung und nicht vollständig ausgeheilte Verletzungen.
Heilung ausgeschlossen
Aufgrund des degenerativen bzw. rezidivierenden Charakters der Erkrankungen ist eine vollständige Heilung in beiden Fällen in der Regel unmöglich. Denn bis heute gibt es kein Medikament, das die Weiterentwicklung derartiger Gelenkserkrankungen vollständig aufhält. Im besten Fall stagniert die Weiterentwicklung zumindest zeitweise. Nachdem über Jahre hinweg Arthritis und Arthrose vor allem mit Hyaluronsäure und Glucocorticoiden behandelt wurden, setzen einige Tierärzte in jüngster Zeit auf die so genannte IRAP-Therapie, in der Humanmedizin als Orthokin-Therapie bekannt.
Die IRAP-Therapie beruht auf der Herstellung regenerativ wirkender Proteine aus dem Eigenblut des Pferdes. Die Blutzellen produzieren in einem speziellen Prozess im Labor entzündungshemmende und regenerative Eiweißmoleküle. Daraus wird ein konditioniertes körpereigenes Serum gewonnen, das in das betroffene Gelenk injiziert wird und so zeitnah schmerzstillend, entzündungshemmend und abschwellend wirkt.
Seit 1998 findet diese Form der Therapie in der Humanmedizin Verwendung; seit 2003 auch in der Veterinärmedizin. Inzwischen wurden bereits tausende Pferde weltweit behandelt – Nebenwirkungen sind bisher nicht bekannt. Allerdings sind verlässliche wissenschaftliche Studien mit einer annehmbaren Anzahl an Testpferden bisher rar, so dass wissenschaftlich fundierte Nachweise zum tatsächlichen Nutzen der Therapie sowie ihrer Verlässlich- und Verträglichkeit in noch nicht ausreichendem Maße vorhanden sind.
Die IRAP-Technik
Grundlage der IRAP-Therapie (das Acronym IRAP steht für Interleukin-Receptor Antagonist Protein Processing System) ist die Herstellung eine autologen, konditionierten Serums.
Dazu wird dem erkrankten Tier Blut entnommen – und zwar mit einer speziellen IRAP-Spritze, die über präparierte und mit CrSO4 (Chromsulfad) beschichte Glasperlen verfügt. Das Blut – pro Pferd wird mindestens eine Spritze á 50 Milliliter benötigt – wird dann im Labor aufbereitet. Zunächst wird die blutgefüllte Spritze für 24 Stunden bei 37 Grad Celsius in einem Inkubator aufbewahrt. Anschließend wird das Serum in der Zentrifuge von den restlichen Bestandteilen des Blutes getrennt. Der chemische Prozess, der aufgrund der mit CrSO4 beschichteten Glasperlen in Gang gesetzt wird, regt die Produktion so genannter entzündungshemmender Zytokine, maßgeblich des Interleukins IL-1RA (Interleukin1-Receptorantagonist) an. Dieses Protein hemmt die Wirkung des die Entzündung vermittelnden Interleukins. Diese Erkenntnis des Gegenspieler-Prinzips machte sich die IRAP-Therapie zu nutze als eine Art Anti-Interleukin-Therapie.
Die Produktion setzt bereits zirka nach 30 Minuten ein und hält bis zu 24 Stunden an.
Dann wird das produzierte Serum unter absolut sterilen Bedingungen mit einer Spritze entnommen und in verschiedene Spritzen umgefüllt sowie entsprechend versiegelt. Damit ist das Serum zur Verwendung geeignet und kann etwa ein Jahr lang bei Minus 18 Grad gelagert werden.
Wichtig
Blutentnahme, Laboraufbereitung und Injektion des Serums müssen unter vollkommen sterilen Bedingungen vorgenommen werden, ansonsten droht Infektionsgefahr!
Das Serum wird vom Tierarzt in das betroffene Gelenk gespritzt, wobei im Falle eines Ergusses zuvor möglichst viel der übermäßigen Flüssigkeit abgelassen werden sollte.
Aufgrund der mangelnden Anzahl aussagekräftiger Studie, wird die Menge des gespritzten Serums vom Tierarzt in der Regel „nach Gefühl“ oder persönlicher Erfahrung festgelegt. Grundsätzlich gilt lediglich, dass die Menge Serum mit steigendem Gelenkvolumen erhöht wird.
In der Regel wird das Serum zwei bis drei Mal in einem Abstand von fünf bis zwölf Tagen in das erkrankte Gelenk gespritzt. Durch das Spritzen des körpereigenen Interleukin IL-1RA wird die Produktion seines schädlichen Gegenspielers, des Interleukins, neutralisiert. So soll ein Fortschreiten der Knorpelschädigung verhindert und eine Regeneration des Knorpels ermöglicht werden.
Erfolge
Anerkannte Studien, die die Erfolge der IRAP-Therapie auf wissenschaftlicher Ebene genau dokumentieren, gibt es bisher nicht. Dennoch äußern sich viele Tierärzte positiv und vermelden Erfolge, deren Ausprägung jedoch von Fall zu Fall ebenso unterschiedlich sind wie die Details der Behandlungsgeschichte.
Sicher hat das IL-1Ra Einfluss auf die Behandlung osteoarthritischer Erkrankungen beim Pferd, doch inwieweit die IRAP-Therapie diesbezüglich mehr Einfluss nehmen kann als die bis heute eingesetzten konservativen Behandlungsmethoden mit Hyaluron und Glucocorticoiden, ist noch nicht abschließend geklärt.
Doch vor allem bei den Pferden, die auf konservative Behandlungen mit Corticoiden und Hyaluronsäure nicht oder nicht gut angesprochen haben und Pferden mit akuter Arthritis inklusive überhöhter Gelenkfüllung, konnten gute klinische Erfolge verbucht werden.
Entscheidend ist auch, inwieweit die Knorpelschädigung im Vorfeld der Therapie bereits ausgeprägt war. Mechanische Defekte sollten zuvor bereits operativ bereinigt werden. Sinnvoll kann eine Kombination mit anderen Therapien, zum Beispiel Physiotherapie, sein. Solange der hyaline Knorpel im Gelenk nicht komplett zerstört ist und die Basis – die Knochen – nicht betroffen ist, kann mit guten Ergebnissen gerechnet werden. Die IRAP-Therapie eröffnet neue Perspektiven vor allem für Pferde mit akuten und chronischen Arthritiden ohne deutliche Veränderungen auf dem Röntgenbild, sowie bei Pferden, bei denen arthroskopisch ein Knorpelschaden festgestellt wurde.
Knorpelschäden: So kommen sie zustande
Knorpelschäden als Folge osteoarthritischer Erkrankungen betreffen Pferde jeden Alters und jeder Rasse. Allen Krankheitsbildern gemeinsam ist eine Störung des synovialen Prozesses im Gelenk. Dabei kann die „Gelenkschmiere“, Synovia, die der Ernährung des Gelenkknorpels dient, die Gelenkflächen „schmiert“ und gemeinsam mit dem Gelenkknorpel die „Stoßdämpfer“ eines Gelenks bildet, ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen.
Der Flüssigkeitsaustausch, der durch die Be- und Entlastung des Knorpels initiiert wird, garantiert die Erhaltung des Gelenkknorpels. Bei Krankheiten wie Arthritis oder Arthrose ist dieser Prozess gestört, in der Folge entstehen Knorpelschäden. Zustand und Zusammensetzung der Synovia können im Labor untersucht werden und geben Aufschluss über die Art und das Ausmaß des Knorpelschadens.
Normalerweise handelt es sich bei der Synovia um eine klare, gelbe Flüssigkeit. Durch Zellabrieb wird sie wässrig-trüb, durch Einblutungen dunkel gefärbt. Bleibt die Gelenkflüssigkeit klar und zeigt im Laborbefund keine Auffälligkeiten, liegt lediglich ein Reizerguss vor. Der kommt nach Verletzungen und bei Arthrosen häufig vor, behindert aber dennoch die Funktion eines Gelenks. Wird der Erguss zu groß, schafft eine Punktion Abhilfe.
Arthritis: Gelenkentzündung
Bei der Arthritis handelt es sich um eine Entzündung im Gelenk. Die verschiedenen Formen werden nach ihrer Ursache unterschieden.
Akut ist die Arthritis infectiosa, die durch in Wunden eindringende Bakterien hervorgerufen wird und durch Keime im Gelenk nachweisbar ist. Im schmerzhaften Stadium nimmt die Synovia eine eitrige Konsistenz an. Eitrige Arthritis wird in der Regel mit Antibiotika behandelt. Dabei gilt: Je früher, desto besser! Denn sehr oft entwickelt sich aus einer eitrigen Arthritis eine chronisch-deformierende Gelenksentzündung mit bleibender Lahmheit.
Dauerhafte Knorpelschäden entstehen auch bei der Arthritis chronica serosa. Dabei entsteht eine kontinuierliche Reizung – beim Pferd in der Regel des Fesselgelenks. Dabei tritt die Lahmheit oft nur nach starker Belastung auf und verschwindet nach einer Ruhepause wieder. Einhergehend weisen betroffene Pferde oft Fesselgelenksgallen (Hydrops) auf; möglicherweise ist auch die Gelenkkapsel leicht bis mittelmäßig angeschwollen.
Derartige Schwellungen sind bei entzündlichen Erkrankungen und Verschleißvorgängen normal, weil der Körper mit einer vermehrten Produktion von Gelenkflüssigkeit (Synovia) reagiert.
Die Arthritis aseptica acuta ist in der Regel eine Folge von Prellungen und Stauchungen, unter anderem durch Fehltritte und Stürze. Auch auf diesem Wege können chronische Entzündungen entstehen. Durch kontinuierlich falsche Belastung bei Stellungsfehlern oder zu frühem Trainingsbeginn können ebenfalls Traumata entstehen, die auf nicht-entzündlicher Basis wiederum die Entwicklung einer Arthrose begünstigen können.
Arthrose: Gelenkverschleiß
Die Grundform der Arthrose wird von Fachleuten als Arthrosis deformans bezeichnet. Hierbei wird das Gelenk „verstümmelt“ (vom Lateinischen deformare). Dabei ist ein gewisser Gelenkverschleiß mit steigendem Alter normal. Als Arthrose (in den Sprunggelenken speziell Spat genannt) wird der Verschleiß bezeichnet, der über den Altersüblichen hinausgeht.
Meistens liegt eine leichte bis mittelschwere Lahmheit vor, die mit andauernder Bewegung besser wird bzw. sogar vollständig verschwindet.
FreizeitReiter Wissenslexikon
• Osteoarthritiden (OA): eine Gruppe degenerativer arthritischer Erkrankungen der Gelenke
• rezidivierend: vom Lateinischen recidere – zurückfallen – abgeleitet; gemeint ist das Wiederauftreten einer Krankheit oder deren Symptomen nach einer zeitweilig erfolgreichen Behandlung
• degenerativ: Erkrankungen, die Strukturveränderungen des betroffenen Gewebes nach sich ziehen, zum Beispiel Knorpelschäden
• autolog: eine Transplantation körpereigenen Materials
• Zytokine: sind Glykoproteine, die eine regulierende Funktion auf das Wachstum und die Differenzierung von Zellen ausüben. Man unterscheidet fünf Hauptgruppen von Zytokinen: Interferone, Interleukine, kolonie-stimulierende Faktoren, Tumornekrosefaktoren und Chemokine.
• Interleukine: Dienen zur Kommunikation der Immunabwehrzellen (Leukozyten) untereinander, um so koordiniert Krankheitserreger zu bekämpfen.